Kategorie: Allgemein


Die Karwoche. Heute: Karfe

26. März 2013 - 12:00 Uhr

Karfe, die: altüberliefertes Schupfinstrument, das besonders irdische Töne von sich gibt und bevorzugt von alten, dicken Männern mit fettigen Haaren gespielt wird. Die ursprüngliche unnachahmliche irdigkeit der Tongebung rührte früher daher, dass die Karfe ausschließlich aus verderblichen tierischen Überresten hergestellt wurde. So wurden die Feierlichkeiten zu einem Schlachtfest traditionellerweise mit einer direkt dann hergestellten K. musikalisch untermalt. Eine frisch abgezogene Tierhaut wurde über ein Gestell aus mit Sehnen zusammengebundenen Knochen gezogen und zwischen die Beine des Spielers geklemmt, wo sie gelegentlich mit frischem Blut übergossen wird. Der Spieler streicht nun mit einem besonders zähen Stück Schlachtgut (meist Speiseröhre oder Magen des Tiers) über die Kante der K., um die Haut in gewisse Schwingungen zu versetzen. Durch eine geschickte Bewegung der Beine wird der Rahmen zur Erzeugung einer Art Rhythmus in Richtung der Spielsehne geschupft, was die Klassifizierung der K. als Schupfinstrument erklärt. Dieser Effekt kann noch verstärkt werden, indem zwischen Rahmen und Haut in gewissen Abständen Knorpel angebracht werden, die beim überstreichen periodische oder aperiodische Impulse erzeugen. Die K. ist nicht mehr weit verbreitet und wird inzwischen fast ausschließlich aus modernen Materialien (Glasflaschen, Plastiktüten, Autoreifen und Wäscheleinen) hergestellt und zumeist mit Altöl übergossen. Als Spielsehne dient meist ein gebrauchter Infusionsschlauch.

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Die Karwoche. Heute: Karlekin

25. März 2013 - 23:00 Uhr

Karlekin, der: Person, die gemeinhin als ernst angesehene Themen zur humoristischen Verarbeitung nutzt. Durch eine gewisse Qualität dieses Humors, die auch eine gewisse Verarbeitung des Sachverhaltes erkennen lässt, erwirbt der Urheber die ->Karrenfreiheit, gewissermaßen einen Freifahrtsschein für seinen Humor als Vehikel über konventionelle Denkschranken hinweg. Fehlt diese Qualität vollständig oder ist die Benutzung der Themen ausschließlich auf die Verletzung von Gefühlen anderer Menschen hin angelegt, trifft K. als Bezeichnung für den Urheber nicht zu. Dieser würde wegen der Unevolviertheit seines Humors eher als ->Karaffe bezeichnet werden, dessen Pointen zwar Tiefgang vorspiegeln, diesen aber gleichzeitig jedweder Inhalt fehlt.

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Rotkäppchen, warum hast Du so große Augen?

28. Februar 2013 - 10:15 Uhr

Damit ich besser ins kindliche Schema passe und meinen Marktanteil bei der männlichen Zielgruppe erhöhe, indem ich an ihren Beschützerinstinkt appelliere. Aber lass uns aufhören, über meine Augen zu sprechen, Wolfgang, ich habe in meinem Körbchen auch zwei schöne Äpfel mitgebracht und wenn Du hier in deinem Treibhaus auch irgendwo eine schöne Banane und ein Paar Trauben hast, könnten wir miteinander einen leckeren Obstsalat machen.”
Doch als sie sich gerade auf die Suche machten, erfüllte ein Aufschrei Wolfgangs gläserne Behausung. Zu spät hatten sie bemerkt, dass drüben im Topf eine erhitzte Debatte am hochkochen war. Als sie dort ankamen, wo der Aufschrei seinen Ursprung hatte, war der ursprüngliche Inhalt des Topfes schon mit so sehr Luft durchsetzt, dass die eigentliche Substanz nun ein Vielfaches ihres Ausgangsvolumens ausfüllte, was das Fassungsvermögen des Topfes bei weitem übertraf. Der Schaum, der so nun vollends den ordnenden Einfluss des Topfes hinter sich ließ, begab sich nun selbst zur Quelle seiner Erhitzung, konnte aber diesen Kontakt in seiner substanzlichen Reduziertheit nicht überstehen. Doch anstatt das einzusehen, begann er, sein schaumiges Muster als bräunlich-schwarzes Geflecht in die Hitzequelle einzubrennen und dabei wie zur Unterstreichung seiner umfassenden Charakteränderung erbärmlich zu stinken.
Der Anblick dieser Katastrophe und speziell der Anruch dieser ganzen Situation stießen Rotkäppchen und Wolfgang so sehr auf, dass sie gar keine Lust mehr auf Obstsalat hatten, Wolfgang war sich auch garnicht mehr so sicher, ob sich hier eine Banane finden ließe. So machten sie sich also daran, die Sauerei aufzuräumen. Rotkäppchen ging den Topf ausspülen, während sich Wolfgang darum kümmerte, die eingebrannten Überreste des Schaumes von der Herdplatte zu kratzen.
Als Rotkäppchen am Spülbecken ankam, bemerkte sie, dass der feine Schaum beim Erkalten zu einigen wenigen größeren und irgendwie instabil wirkenden Blasen zusammengefallen war und man darunter schon wieder die dünne Flüssigkeit erkennen konnte, aus der diese Katastrophe erwachsen war, weil sie zu viel Hitze bekommen hatte. Schon als sie den Topf ausleerte, fand sie das irgendwie schade, dass sie beide nicht aufgepasst hatten, wäre doch bei pfleglicher Behandlung guter Pudding für sie beide daraus geworden.
Wolfgang dachte derweil darüber nach, dass wohl zu viel Hitze das Problem gewesen sein musste. Diese Hitzequelle würde mit ihrer unglaublichen Kraft einfach alles anbrennen, was man zu lange darauf köcheln ließe. Aber ohne Hitze lässt sich garnicht kochen, sinnierte er weiter, die Welt besteht ja – das ist zwar manchmal schade aber doch auch richtig so – nicht nur aus Salat.
In diese Gedanken hinein, sagte Rotkäppchen, die vom Spülen zurückgekehrt war zu ihm: “Hey Wolfgang, pass auf, wir waren wohl nicht ganz ehrlich zueinander: Ich hab so richtig Bock auf Schwanz und wenn Du mich immernoch hübsch findest, dann lass uns doch vögeln!”
Wolfgang willigte unter der Bedingung, vorher noch ein wenig “an den Titten spielen” zu dürfen, um wieder in Fahrt zu kommen, ein. Und wenn sie nicht gestorben sind… Halt! Etwas ist dann doch noch passiert. Beide hatten bemekt, dass die neue Offenheit, die sie sich seit dem Aufschrei abrangen, sie irgendwie daran hinderte, sich vollkommen in die Situation zu ergeben. Der Mangel an Phantasie und Abwechslung störte sie beide so sehr, dass sie nach einer Partnersitzung mit der Großmutter übereinkamen, wieder zur verspielten Art der Liebe zurückzukehren. Sie könnten sich auch so gegenseitig ernst nehmen und würden immer vorsichtig sein, den Bezug zur Realität nicht vollkommen zu verlieren auf dass ihnen der Pudding auch gelänge. So lebten sie glücklich und zufrieden. Gestorben sind sie irgendwann auch, aber sie haben glückliche Kinder und Kindeskinder hinterlassen, die weder Angst vor Treibhäusern hatten, noch jemals sorglos mit dem Obst anderer Leute umgegangen wären.
Geschrieben für Bank der Künste

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Alles ist besser mit Bluetooth

20. Februar 2013 - 12:07 Uhr

Aber wie ist das mit dem Gerät das das Gerät baut, das das Bluetooth-Gerät baut? Vielleicht ist das ein Schraubenzieher. Und vielleicht ist ein Schraubenzieher mit Bluetooth besser.
Wenn ich jetzt also ins Auto einsteige und starte, dann werden sich also künftig mein Handy streiten, wer sich an meinem Radio einloggt. Ja, ich habe ein Bluetooth-Radio und ich find es toll! Ich muss weder nach dem Handy kramen, wenns klingelt, noch überhör ichs, noch muss ich dann Strafe zahlen, wenn ichs gefunden habe und telefoniere. Und wenn ich nicht so nachlässig wäre und mal nachgesehen hätte, wie das funktioniert, würde das vielleicht auch für den Fall gelten, wo ich den Anruf initialisiere…
Nein! Zurück zum Schraubenzieher. Vielleicht wäre ein Bluetooth-Schraubenzieher sinnvoll, wenn man sich in so einem Hightech-Labor befindet und es sich um einen Drehmomentschraubenzieher handelt, der gleichzeitig während man Sachen schraubt (man sieht, ich habe mir eine immens ausgefeilte Gedankenwelt gebastelt) die Drehmomentdaten an einen PC übermittelt, der nebenher ein Messprotokoll herstellt über die geschraubten Sachen. Aber wenn ich in so einem Labor arbeiten würde, hätte ich sicher viel mehr so abgefahrene Instrumente, nicht zuletzt eine Kaffeemaschine, die ohne Gefäß auskommt, sondern den fertigen Kaffee als schwebende Kugel in einem gigantischen Magnetfeld bereithält (bei großen Feldstärken tatsächlich denkbar), während er über gezielte Laser-Impulse warmgehalten wird. Und weil ich deswegen sowieso schon über einen beträchtlichen Stromanschluß verfüge und das rumgefrickel mit Batterien hasse, wäre es mir wohl doch lieber, wenn der Drehmomentschraubenzieher und die Halbleiterfeile (hierzu werde ich mir beizeiten eine passende Geschichte überlegen, sollte die Frage auftauchen, was das sein könnte), wenn die Werkzeuge zu einer Workstation zusammengefasst würden, kleine Kabel hätten, die möglicherweise, um nicht zu stören über so Federgalgen geführt werden, damit sie von oben kommen und nicht immer auf dem Tisch rumliegen. Sonst müsste ich ständig eine Menge Knopfzellen austauschen, denn größere Batterien wären ja nicht möglich für einen feinmechanischen Schraubenzieher. Falls es jemand gerade ahnt: ich habe sowohl an Maus als auch Tastatur Kabel, obwohl ich das andere schon mal probiert habe.Was lernen wir aber aus der Bluetooth-Schraubenziehermisere über Innovation? Dass sie toll ist, die Triebfeder vieler toller Sachen, Ideen, die Ideen schaffen. Und dass Innovation verdammt viel Müll schaffen kann, weil sie einen auch etwas bedrogt, weil man sich in Dinge verliebt, dadurch blind wird und Mist baut, und das, obwohl man mit den meisten neuen Dingen nicht mal Sex haben kann. Ich korrigiere: will. Ich korrigiere nochmal: zumeist, üblicherweise.
Oh, schöne neue Welt der Sexspielzeuge und der political Correctness, in der Leute, die Dinge lieben ganz normal sind, es werden die Gewißheiten knapp und die Allgemeinaussagen dampfen auf ein unerträglich unsicheres Minimaß zusammen!
Zurück zu etwas Neuem: auch inzukunft werden manche Bäume mit Äxten gefällt, werden Gemüse mit Messern geschnitten, werden elektronische Geräte mit warmen Metallstücken, genannt Lötkolben, gelötet, wird heiße Luft nach oben steigen und werden Kinderwägen bergab rollen. Warum ich letzteres erwähne? Weil manche versuchen, Rauchgase eines Feuers nach unten abzuziehen, andere mittels bremsenden Bodenbelags Schieflagen an Bahnsteigsplänen in den Griff zu bekommen.
Und bevor ich jetzt ins reaktionäre abdrifte, möchte ich noch eins klarstellen: man KANN Bahnhöfe in die Erde verlegen (ich war auch schon in so einem), aber der sollte viellicht im Übrigen den üblichen Vorgaben für Bahnhöfe entsprechen. Ist das gewährleistet und will man es dann aus anderen Gründen trotzdem noch, dann SOLLTE man es vielleicht auch tun.
Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, aus Einsichten von Jahrhunderten des rasanten Fortschritts seit spätestens der industriellen Revolution, aus dem Reigen der ständigen rücksichtslosen und kurzsichtigen Neuerungen echte In-Novation zu schaffen und Neues ins Bestehende hineinzusetzen.
Erstveröffentlichung in der Bank der Künste

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Abschied von Buch IV

15. August 2012 - 23:46 Uhr

Mit dem morgen um 17:59 auf der Bank der Künste erscheinenden Beitrag über das brennende Kind, der schon zur Hälfte in Buch V steht, hat auch mein 4. Notizbuch seine Schuldigkeit getan und darf – leicht gebläht von Korrekturfahnen und insgesamt etwas aus der Form gewalkt und geblättert – seinen Reservedienst im Regal bei den anderen antreten. Es verbleiben noch einige Fragmente, die ich nicht oder noch nicht weiter bearbeitet habe oder vielleicht sogar verworfen oder die als Notiz schon ihre Pflicht getan haben und die ich trotzdem als Fragment verkleide. Ich blättere also nochmal durch und verhelfe ihnen zu ihrem recht:

Warum darf man nicht auf die Treppen
…fragte ich mich in Berlin an einem Mittwoch vor dem Reichstagsgebäude vor einem Jahr etwa. Wenn man nicht mal mehr auf einige zehn Meter an das Parlamentsgebäude rankomme, dann erweckt genau das ein merkwürdiges Gefühl, das viel realer ist, als irgendsoein potenzieller Terrorist (dessen explosiven Schuh ich mir offenbar anziehen soll).

jetzt hab ich zwei Typen mühevoll in den Nachtbus bugsiert, um festzustellen, dass sie damit nicht fahren wollten; zumindest stiegensie, nachdem sie bezahlt hatten, wieder aus.
krakelte ich wohl ebenso mühevoll in das Buch, als ich mich am 8.9.11 um 26:42 mit des Professors Aussage zur Öko-Frage beschäftigte.

Hornbrillen: Brillen haben und nicht zu tragen, ist wohl die beständigste Mode.
…das ist scharf beobachtet, was in diesem Zusammenhang schwer fallen könnte.

Unverletzlichkeit der Wohnung
(Online-)Durchsuchung
Zwangsblutentnahme
Richtervorbehalt.
…darüber sollte ich mich wohl mal ausführlicher auslassen, um herzuargumentieren, was ich schrecklich offensichtlich und für knapp ausdrückbar halte. Zum ersten Paar: ich sehe keinen Unterschied zwischen einem Ordner in meinem Schrank und auf meiner Festplatte. Nur auf richterlichen Beschluss darf das einer ansehen, dem ich es nicht freiwillig erlaube. Zum zweiten Paar: nur weil wegen Richtermangels die richterlichen Genehmigungen zur Zwangsblutentnahme bei Alkoholkontrollen meist ungeprüft richterlich angeordnet werden, ist es nicht angezeigt, den Richtervorbehalt dafür aufzuheben. Dieser Sachverhalt bietet noch einen zweiten Lösungsansatz…

Grünfink, das…
…muss ich noch zurückhalten. Solche sieht man gelegentlich kurz vor Ostern.

6.12.12 20:34 Strenggenommen geht es mich nix an, wer Herrn Wulffs Haus bezahlt hat. Strenggenommen darf Herr Wulff auch nicht in meinem Namen mit einem ausländischen Staatschef reden oder darüber befinden, ob ein Gesetz, das meine Volksvertreter gebastelt haben, verfassungskonform ist oder nicht. Strenggenommen.
Aber Herr Wulff ist Bundespräsident. Er ist mein oberster Staatsdiener, ich gebe ihm Macht, ich gebe ihm Geld und Autorität und verlange na
…ich hatte zu dem Thema lange geschwiegen, weil man ja fast täglich noch eine Abstrusität aus seiner prätentiösen Vita aufgetischt bekam und er garnicht nachkam, eine Salami nach der anderen aufzuschneiden; aber nun erhält er ja seinen Ehrensold, obwohl er aus privaten Gründen zurückgetreten ist. Ich hatte den Versuch unternommen, etwas zu schreiben, aber ich wollte nicht schon wieder Banalitäten predigen. Einmal jemanden finden, der sich nicht wichtiger nimmt als seinen Job, einmal jemanden, der aufgrund seiner Persönlichkeit politische Ehrenämter einnehmen darf und nicht als abgewetzter Parteisoldat. Und wenn schon so, dann einen, der klug genug ist, nicht so doof zu sein, dass ich vor lauter Wut nicht weiß, ob ich schreien oder kotzen soll!

Steuerpatente -> Tantieme auf Steuer
…eigentlich wäre diese Idee schon patentreif: Patente auf Steuererhebung auf potentiell besteuerbare Sachen anmelden. Die Frage ist, wenn ich ein Patent anmelde auf die zum Beispiel Besteuerung von Batterien. Muss mir dann der Staat Lizenzgebühren zahlen, sollte er im Zuge irgendwelcher ökologischen Maßnahmen eine Sondersteuer auf Batterien erheben?

Gefährdung der Freiheit von Wissenschaft und Kultur durch Orientierung rein an wirtschaftlichen Maßstäben
auch was interessantes, das ich mal weiterverfolgen sollte (es handelt sich übrigens um eine Notiz zu etwas, was ein Teilnehmer – ich glaube sogar es war der Gewinner – des letzten Philosophy-Slams im Rathaus gesagt hat), grob beispielhaft umrissen: wenn man die Förderung der Wissenschaft an wirtschaftlichen Maßstäben ausrichtet, wird man lauter naturwissenschaftliche Fächer (und auch dort nicht alle) ernten. Dies – ja jetzt schon der Fall – führt zu einer Benachteiligung geisteswissenschaftlicher Disziplinen und verschiebt mittel- bis langfristig die gesamte Kulturelle Basis der Gesellschaft. Insbesondere stellt sich auch die Frage, ob die Grundgesetzliche "Freiheit von Wissenschaft und Kultur" vor dem Hintergrund, dass sie sich finanziell unter bestehenden Rahmenbedingungen nicht selbst tragen können, eventuell sogar gebietet, diese besonders zu fördern.

Geld
Tauschwert <-> Gebrauchswert
…<-> Lagerwert. Übrigens auch noch eine Notiz aus dem Philosophy-Slam. Die leidige Geldkiste muss auch noch ein wenig angeplappert werden, bis klar ist, was jedem klar ist, der nicht die Geldwissenschaften studiert und/oder mit dem Teufel kopuliert: mit Geld kann man keinen Wert schaffen. Sollte also Geld Wert symbolisieren, darf Geld nicht mehr Geld erzeugen können. Falls dem so ist, ist das System fehlerhaft und sollte nachgebessert werden. Bei schwingenden Systemen mit großen Ausschlägen, die in resonanten Fällen zu Katastrophen führen, ist eine geeignete Dämpfung das Mittel der Wahl. Wer einem ausgelenkten Pendel zur Beruhigung einen Schubs in die andere Richtung gibt, ist ein Idiot.

Es ist, als hätten alle den Verstand verloren, sich zum Niedergang und zum Verfall verschworen, und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.
…aus Reinhard Meys Narrenschiff. Da habe ich scheinbar meinen neuen Füller getestet (den ich natürlich inzwischen verloren habe – nicht natürlich, weil ich ständig Füller verliere, sondern natürlich, weil das mein bislang teuerster war und der erste mit dem ich so richtig glücklich war), ich habs mal hier mit abgetippt, weil es so gut zum vorigen passte.

Kaugummikauen und Klavierspielen: blättern müssen, Finger lecken, Kaugummi hängenbeiben, Seite rausreißen.
…Slapstick fasziniert mich, darum muss ich solche Szenen sammeln. Auch für den Film, den wir seit der 7. Klasse drehen wollten, wo ist eigentlich das "Drehbuch" dazu, das wäre voll von solchen Sachen. Ich erinnere mich noch an den Typen, der aus unerfindlichen Gründen irgendwo runterfällt und den ganzen Film hindurch immer wieder gezeigt wird, wie er ständig weiter fällt.

Die Contemplanierraupe.
…daraus lässt sich bestimmt was machen. Einfachste Anwendung wäre in einem meiner religionskritischen Texte als Beiname für einen konservativen Geistlichen. Allerdings würde ich den Begriff gerne positiv besetzen, weil ich mir so eine Contemplanierraupe auch recht putzig vorstellen könnte.

Vielen Dank, mein liebes Buch! Vielen Dank, werter Leser!

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Präpuz

6. August 2012 - 01:00 Uhr

Vielleicht hätte ich da vor einiger Zeit noch anders darüber geschrieben, aber nun gebe ich das folgende Votum (ob es deren ein eindeutiges wird, wage ich noch selbst zu bezweifeln) ab, ohne zu vergessen, mit einem Schlenker des Unverständnisses über meine kulturelle Tradition herzuziehen.
Da gab es also tatsächlich ewige Konzferenzen, in denen erhitzt bis erregt diskutiert wurde von den katholischen Geistlichen, was nun mit dem allerheiligsten Präputium passiert sei, nachdem der Erlöser der Welt (angesichts des aktuell wieder herrschenden Chaos’ ist es schon spannend, dass diese Kirche es immernoch einigermaßen schafft, die Spannung zu halten, den Christenmenschen nach bereits erfolgter Erlösung auf eine weitere warten zu lassen und so noch alle Einsätze im Spiel zu behalten) mit unversehrtem Leib auferstanden war. Bedeutete "unversehrt" nun mit oder ohne Vorhaut? Und wenn ohne, wie viele und welche dieser Lederringreliquien, die in diversen Schreinen über die gesamte Christenheit verteilt waren, waren dann die echten und machte das die anderen unecht? Und wenn mit, ist dann die Echte von dort, wo sie vorher war (mir fehlt leider diesbezüglich das Wissen um den traditionellen Weiterverbleib des Circumcisionsreliktes) verschwunden? Und würde "unversehrt" dann angesichts dieser Beschneidungsregelung nicht weit über das gängige Hippie-Image dieses Jesus Christ hinaus merkwürdige Konsequenzen für seine Kopfbehaarung, Finger- und Zehennägel resultieren?
Nunja, wie die das auch gelöst haben, jedenfalls hat der Hippie schon durch sein Weltendeantäuschen dafür gesorgt, dass wir uns diese Gedanken nicht mehr für unsere eigenen Körperteile machen müssen, außerdem sind wir eh viel aufgeklärter geworden, allerdings müsste ich da sicherheitshalber vorher nochmal nachsehen, ob heliozentrische oder quantenmechanische Ketzereianteile in meinem Weltbild mich nicht bei Strafandrohung verbieten, in irgendeiner qualifizierten Form über meinen Kirchensteuerempfänger auszusagen. Aber als kleines Friedensangebot verkneife ich mir vorerst Meditationen über die Wechselwirkung von Haut- und Latexüberzügen oder Alleg(r)oriegebilde über Glans und purpurnes Soli-Deo-Käppchen, mit dem der Priester feierlich in die Absis eindringt.
Leider kann mir dieser große kulturelle Hintergrund – trotz oder wegen – des Vorkommens der Beschneidung in sich selbst in der aktuellen Diskussion nur wenig helfen. Darum muss ich wohl doch erstmal die Aufgeklärtheit (ich meine hier natürlich die im Sinne der epochalen Strömung und nicht die bezüglich Latex und Tampons) konsultieren. Und nachdem ich nach anfänglichem Meiden des Themas doch einiges dazu gelesen habe, habe ich mir sachlich folgende Position zurechtgelegt: Beschneidung ist überflüssig aus hygienischen Gründen (abgesehen von Sonderfällen); Beschneidung ist medizinisch notwendig in bestimmten Fällen; bei fachgerecht durchgeführten Beschneidungen ist das ein recht kleiner Eingriff (chirurgisch betrachtet) mit geringem Risiko, allerdings bleibt es dabei, dass eine unbegründete Beschneidung durch Schaffung des Risikos folglich das Gesamtrisiko erhöht und im schlechten Falle die Komplikationen in ausgeprägter Weise unangenehm sein können; ein Verbot der Beschneidung aus religiösen Gründen muss wohl zwangsläufig zu einer Verschiebung des Eingriffs in hygienisch und medizinisch unvorteilhaftere Gefilde nach sich ziehen.
Soweit sachlich. Aber diese ganze Aufklärerei neigt ja auch gerne dazu, Züge religiöser Eiferei anzunehmen, weswegen sie nicht unreflektiert verbleiben sollte: Religionsfreiheit, was sag ich, auch Freiheit der Weltanschauung, ist ein verdammt wichtiges Grundrecht. Das mit der körperlichen Unversehrtheit auch. Das muss irgendwie beides geschützt werden. Und die Kinder müssen auch irgendwie rausgeholt werden aus irgendwelchen Asofamilien wo sie verwahrlosen und weder Pflege noch Bildung erfahren.
Aber trifft das hier zu? Ist der Eingriff Körperverletzung? Schlimmer als abendliches Alkoholprügeln des Nachwuchses oder gleich schlimm? Und wie is des, wenn mich die Mama immer nur mit den angesagtesten Babybreis füttert und sich nach Jahren rausstellt, dass man da doch von etwas wichtigem zu viel oder zu wenig drin hatte und ich mich also hätte doch noch idealer entwickeln können?
Das ist doch alles garnicht vergleichbar, könnte ich sagen, aber ich könnts trotzdem versuchen: sie tun’s alle irgendwie eventuell ohne besseres Wissen und trotzdem darf ich unterschliedlich reagieren: manche meinens gut und manche meinen nur wenn man Glück hat überhaupt etwas. Und wenn man der Meinung ist, man ist das seinem Kind für dessen Seelenheil schuldig, dann muss sich der Staat vorerst raushalten, wenn er sein Religionsfreiheits- und Privatheitsschutzgerechte etwas ernst nimmt, zumal das Risiko vertretbar ist. Das heißt nicht, dass er nicht gelegentlich sagen kann, wie sich diese Sache aus medizinischer Sicht verhält, dass er nicht versuchen kann, in der Religionsgemeinschaft eine gewisse Liberalisierungsdiskussion loszutreten durch fachliche Information. Aber entscheiden müssen das die Betroffenen. Und – auch wenn man es gerne anders haben wollte – Entscheidungen von diesem Ausmaß treffen die Eltern für ihr Kind, zumindest, solange ihr kultureller Hintergrund das ausdrücklich verlangt.

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Zitat des Zeitpunkts “Vorsichtsmaßnahme”

30. April 2012 - 10:20 Uhr

Vor Sachen die man kommen sieht, sollte man im allgemeinen die Augen verschließen.
alter ego

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Die Karwoche 2012

7. April 2012 - 15:00 Uhr

Der für die Bank der Künste erstellte Karwochen-Kalender, in der Tradition der vorausgehenden Karwochenserien.

Zum Montag:
Karlzium, das:
Technik, einen ungeliebten Nachbarn zum Wohnortwechsel zu bewegen. Den Beginn einer Anwendung kennzeichnet das wiederholte Aussprechen des Namens der Technik bei vielfältigen Gelegenheiten. Abhängig von der erhaltenen Rückmeldung auf die Aussprachen stellt die Technik eine breite Palette anschließender Handlungen bereit, die von subtilen Mitteln wie Benzinbrand der Rosensträucher des Nachbarn und Exkrementen im Briefkasten bis hin zu handgreiflichen Auseinandersetzungen reichen.
Die hierbei gelegentlich auftretende Bewegungseinschränkung, die von durch mineralarmen Knochenbau bedingten Frakturen herrührt, wird landläufig als Karlziummangel bezeichnet.

Zum Dienstag:
Karamel, das:
Treibstoffzusatz für die Wüstenschiffahrt. Zur Herstellung von K. wird eine aus Pflanzenmaterial extrahierte Kohlenwasserstoffverbindung durch einen weiteren Raffinationsschritt veredelt. Die hohe Energiedichte und die uneingeschränkte Gebrauchsfähigkeit in dieser Form, prädestiniert K. als Treibstoffzusatz für Wüstenschiffe, deren Leistung durch Beimischung zum Treibstoff oder durch gelegentliche, dosierte Einzelgabe kurz- bis mittelfristig gesteigert werden kann.

Zum Mittwoch:
Karsika (Insel):
K. ist die größte Insel in der Gruppe der Karnaren. Einer klimatischen Gunstlage und den besonderen karsischen Böden ist es zu veranken, dass auf K. von Zeit zu Zeit eine Monarche heranwächst, die dann wie ein aufgehender Stern über ganz Europa strahlt.
K. bildet damit den Gegenpol zur ebenfalls karnarischen Insel Karpri, wo regelmäßig die rote Sonne im Meer versinkt.

Zum Donnerstag:
Grünte, die:
In gemäßigten Breiten heimischer Wasservogel, der überwiegend ruhige Süßgewässer bevölkert und sich dort üblicherweise an der Unterseite der Wasseroberfläche aufhält.
G. haben einen bauchigen Körper, dessen – nach Art und Geschlecht unterschiedlich – farbiges Federkleid sehr dicht ist und mit einem von mehreren Hautdrüsen abgeschiedenen Sekret, dem sogenannten Grünte-Extrakt wasserdicht gehalten wird.

Illustration: Amelie auf Bank Der Künste

Im Gegensatz zu den meisten anderen Wasservögeln behält die G. im Wasser Ihren Kopf und auch den Großteil des Körpers dauerhaft unter der Wasseroberfläche, während die Beine, deren Fußzehen durch stark durchblutete Häutchen verbunden sind, meist aus dem Wasser herausragen. Eine Seite der Häutchen ist hierbei als Schleimhaut, die durch abspreizen der Zehen freigelegt werden bzw. durch zusammenpressen geschützt werden kann. Diese Schleimhaut dient dem Gasaustausch des Blutes, wodurch die G. abhängig von der körperlichen Belastung die Zeit mit Kopf unter Wasser zwischen zwei Atemzügen auf mehrere Stunden ausdehnen kann. Die andere Seite der Häutchen ist sehr ledrig und wird bei der Fortbewegung an Land belastet, die zwar ungelenk wirkt, dennoch absolut möglich ist.
Im Wasser benutzt die Grünte eine Kombination aus Segelfahrt und Rückstoßantrieb zur Fortbewegung. Die kraftvollere Fortbewegungsform ist hierbei das Rückstoßprinzip. Hierzu zieht die G. durch den geöffneten Schnabel Wasser ein, das sie anschließend bei geschlossenem Schnabel durch ein kleines Loch an dessen Spitze wieder ausstößt und damit Vortrieb in Richtung des Schwanzes erzeugt. Die durch dieses Prinzip bedingte Bewegungsrichtung hat dazu geführt, dass G.n, die sich auf etwas zu bewegen, zur Orientierung abwechselnd nach links und rechts Kreise beschreiben, um in der langgezogenen Spiralbewegung gelegentlich den Kopf in Richtung des Ziels zu richten. Kurz vor dem Objekt vollführen sie eine halbe Drehung, um mit der Restgeschwindigkeit Kopf voraus auf das Ziel zutreiben (nur leicht unterstützt von einer Bewegung der Schwanzfedern). Diese Art der Bewegung wird als Grünteln bezeichnet.
Ist ein leichter Wind an der Wasseroberfläche zu spüren, gehen G.n eher dazu über, auf diese kraftintensivere Fortbewegungsweise zu verzichten und stellen lediglich die Füße als Segel in den Wind. Hierbei bevorzugen sie meist die Bewegung in Richtung Kopf.

Zum Freitag:
Karot, der:
humanoider Omnivore, der sich trotz seiner Mischkost-Fähigkeit abgesehen von gelegentlichen Ausnahmen hauptsächlich von Wurzelgemüse ernährt. Dieses bereitet er gewöhnlich durch Vorkauen größer Mengen zu einem freinen Brei (im Fachjargon Karotensaft genannt) zu, den er dann über mehrere Tage in kleinen Schlucken trinkt.
K.en verfügen meist über eine Art ungerichteten, regellosen Spieltrieb und über nahezu keine Fähigkeit zu strukturiertem Handeln, womit sie in ihrer Umgebung für ausgeprägte Verwirrung sorgen.
K.ten leben in polygamen Bindungen, jedoch mit der Besonderheit, sich in der Öffentlichkeit meist nicht mit der ranghöheren Hauptfrau zu umgeben, sondern sich mit der Zweitfrau, der sogenannten Betakarotin, die ihm die Sehbarkeit erhöht.

Zum Samstag:
Kartee, der:
Heißwasseraufguss der Blätter des von den Merkatoren Krüger und Gauß erstmals nach Europa importierten, topographinhaltigen Navigatstrauches, die bald aus Praktikabilitätsgründen in Koordinatennetzen zu Portionspäckchen verpackt überbrüht wurden.
Der übermäßige Genuss von K. kann zu leichtem Triangulieren führen. Der verantwortliche Wirkstoff wird in den heute gängigen Sorten allerdings heraussatelliert.

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Ein Gespräch

14. Januar 2012 - 17:40 Uhr

Wie ist das eigentlich, fragte er den Professor, wenn so ein Flaschengeist grad keine Wünsche erfüllen muss; hat der dann frei? Geht der dann mit seinen Kumpels zum Tanzen? Und wenn er dann wieder ran muss, muss er dann alles stehen und liegen lassen in seiner Dimension und rüberhasten zum Gebieter?
Ach, weißt Du, meinte der Professor, im Grunde ist es doch ein ganz schön plattes Weltbild, das die Ökos da haben. Ein verzweifelter Festklammerversuch am status quo von Leuten, die nicht mit Veränderungen umgehen können.
Die zukünftige Welt, die sie sich vorstellen, können sie sich in ihrer eingeschränkten Phantasie nicht lebenswert machen und darum rauben sie in ihrem rücksichtslosen Egoismus künftigen Generationen die Chance, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Diese Fortschrittsfeindlichkeit zwängen sie anderen mit der anthropozentrischen Horrorvision auf, die Menschheit werde sich hungernd in völkerwandernden Kriegen gegenseitig zermürben, bis sie sich ihrer klimatischen Lebensbedingungen selbst entledigt und so den Exitus des Homo Sapiens besiegelt haben würden.
Wer der Ökoideologie nicht folgt, wird nicht mit argumentativen Überzeugungsansätzen bedacht, sondern aus einer arrogant pseudoaristokratischen Position heraus zum teuflischen Weltzerstörer herabgestuft.
Und das nur, weil man – wohlgemerkt dem evolutionären Plan folgend – auch umsetzt, was möglich ist.
Wer gibt denen denn das Recht, sich als was besseres zu gerieren, nur weil sie meinen, die geistige Rafinesse zu besitzen, auf wissenschaftlicher Logik basierende Hypothesen über weit in der Zukunft liegende Ereignisse anzustellen, und die charakterliche Größe, diese in ethische Handlungsvorgaben umzusetzen, deren eventuell so verhinderte Konsequenzen sie sowieso erst nach ihrem statistischen Ableben zu spüren bekämen!?
Wo kommt denn bitte der ganze Wohlstand her, in dem sie sich selbstgerecht fortschrittsasketisch hinstellen und einen selbst aungebauten vegetarischen Braten in einem Solaröflein backen, mit dem sie den Hunger in der dritten Welt stillen wollen?
Sie haben sich lediglich dazu entschlossen, ihr Leben in einer unglaublich unpraktischen Weise führen zu wollen, meinetwegen, aber sie können nicht von mir verlangen, mich genauso dumm zu verhalten.
Wenn man freiwillig auf alles verzichtet, was das Leben angenehmer macht, nimmt sich das alles halt einfach jemand anders.
Erstaunlich, zugegeben, wenn man es trotzdem durchhält, abstrakt-irreale Lebensbedingungen anderer zur Grundlage für moralisches Handeln und daraus folgenden Selbstverzicht zu machen.
Es ist aber doch kein Konzept, lediglich auf Verdacht allem zu entsagen, was möglicherweise irgendwelchen hehren Idealen widersprechen könnte – und das auch noch in einer so fernen Zukunft, dass dies alles per se nicht verifizierbar ist.
Das ganze mag unter diesen konstruierten Bedingungen zwar gut und richtig scheinen, die eigentliche Frage ist aber: wie weit ist man verpflichtet vorauszudenken, um seine Handlungen moralisch zu begründen und wie pessimistisch muss man seine Annahmen anlegen.
Es ist nämlich gerade der Optimist, der sich eine so freie Geisteshaltung bewahrt, dass sein Machbarkeitsglauben im Endeffekt Auswege aus der Misere aufzeigen könnte. Der Pessimist hingegen verharrt in seiner Starre und vorgefertigten überkommenen Denkmustern und landet – da er den Fortgang der Welt dennoch nicht stoppen kann – so in seiner selbstgestellten Falle.
Öko oder nicht – ich weiß, auf welcher Seite ich stehen will!

Am 8.1.12 auf Bank der Künste veröffentlicht.

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Was Sie über Mais wissen sollten

2. Dezember 2011 - 20:32 Uhr

17.11.11 19:35 Mais, die polentaspendenden gelben Körnchen, deren vielseitig verwendbares Mehl universellen Einsatz in der Nahrungsmittelindustrie gefunden hat und spätestens als Grundgerüst für die aufplusterndcrunchigen Erdnuss-Locken seine für Peanuts aromatisierte Allgegenwart bei geselligen Anlässen gefunden hat, wohingegen jene als Sauerkonserve bei selbigen die unauslöschliche Diskussion, ob sie nun unverzichtbarer, fakultativer oder absolut abstoßender Bestandteil des aus mindestens zwei Konserven zusammengestelten Chilis nach Art des Hauses sind, stammt bekanntlich aus Südamerika.
22.11.11 09:38 digital, reanalog, verändert 25.11. 20:45 Es geht das Gerücht, ein indigener Gott – natürlich, sie hören lieber Überwesen mit historisch-lokaler Gotteskraft – habe ihn geschaffen, indem er eine goldene Träne in den Mutterboden fallen ließ, aus der sich der für seine Völker segensreiche güldene Lebensspender erhob. Eigentlich ein klasse Vorgang, diese Nuggetbaumpflanzung, lediglich den Alchimisten der alten Welt offenbar nicht bekannt gewesen, das Wissen um diese Technik hätte wohl mannigfach Verbrennungen, Verätzungen und Schwermetallvergiftungen unter den Anhängern dieser Zunft verhindert.
Nunja, letztendlich wären sie ja doch unzufrieden gewesen, dass zwar auf diese Weise wertvolles geschaffen wird, Nahrung, Rohstoff, Perspektive, aber eben garnienicht Edelmetall. Dass dieser Dritte-Welt-Zeus zwar silberblickend Gold über die Wangen kullern lassen kann, dieses aber, anstatt es zu horten, sich damit zu schmücken und eventuell mal gelegentlich als dekadent-wirkungsloses Nahrungsergänzungsmittel durch die Gedärme zu schieben, in ein Sozialprojekt verbuddelt, hätte sie auch zum Heulen gebracht – nur eben Rotz und Wasser.
Nun, so schlimm ist es dann doch nicht gekommen, da die Hersteller nahrungsmittelähnlicher Industrieprodukte gewissenhaft die Technik zu optimieren begannen, das zu wertlose Nahrungsmittel durch das richtige Maß an Denaturierung und behutsam-luftreiche Verpackung wieder zu Gold zu verwandeln. Immerhin ein ausgefeilterer Ansatz, als der der Zelloloidbeleuchter, lediglich die traditionelle Kombination von schlicht mittels Erhitzung zauberhaft entstellter getrockneter Maiskörnchen mit bewegten Bildern durch unverhältnismäßige Aufpreisung zu versilbern.
29.11.11.19:33 Bei dieser vielfältigen und verbreiteten Verwendung erwundert es doch sehr, daass eine zentrale Eigenschaft des Maises, die ihn zu einer der erstaunlichsten Geschöpfe in der Natur macht, nicht ausgenutzt, ja nichtmal außerhalb von Fachkreisen bekannt ist: seine Zweisämigkeit.
Dieser Begriff (lateinisch bisemilitas oder als latinisiertes Adjektiv bisem) bezeichnet Pflanzen, deren Reproduktionsmechanismus unabhängig 23:41 von den üblichen Mutationsabweichungen zwischen den Bestäubungsvariationen zwei unterschiedliche Samenkornchargen mit grundlegen verschiedenen Bauplänen bereithalten – natürlich bei gleicher genetischer Ausstattung.
Studien weisen darauf hin, dass diese Versionen über epigenetische Mechanismen, also über zweierlei Sätze an Genschalterstellungen, nicht aber an Genen, 1.12.11 9:30 realisiert wird.
Beim Mais wird die zweite Samenvarietät an einem besonderen Ort ausgebildet: in der Mitte des Strunkes entwickelt sich auf etwa halber Höhe im Maiskolben ein kleines schwarzes Körnchen, das von seinem Aussehen her viel mehr an einen Schwarzkümmelsamen denn an ein Maiskorn erinnert.
Pflanzt man dieses an, wächst daraus mit der zweiten Varietät eine Art süßer Nährmais. Die Wuchshöhe ist verglichen mit dem normalen Stärkemais etwas geringer, bezüglich der Wuchsform sind allerdings keine Unterschiede erkennbar. Auch die Frucht gleicht in der Form der bekannten, unterscheidet sich aber näher betrachtet sehr stark:
Angefangen bei den Hüllblättern sind diese sehr viel feiner und nicht faserig, so dass ihre frischen Spitzen als aromatische Salatbeigabe Verwendung finden können. Die gelben Körner sind ein bisschen kleiner als die der Normalform, aber deutlich süßer.
Überraschend bei dieser Varietät ist nun, dass der Kolben selbst mit einem recht süßen Fruchtfleich gefüllt ist, das in der Konsistenz an leicht unreife Bananen erinnert. Der Geschmack des Maisfleisches trägt ein Maisaroma, das gleichzeitig in seiner fruchtigen Süße an Birne erinnert.
Der Maiskolben aus dem schwarzen Mittelkorn lässt sich also nach dem Entfernen der gelben Hüllkörner noch schälen – zugegeben, nicht so komfortabel wie Bananen, deren Fasern in der Schale hauptsächlich längs verlaufen, wohingegen die Maisfasern ein robusteres Überkreuz-Geflecht bilden. Im Inneren findet sich dann volumenmäßig noch mal ähnlich viel Fruchtfleisch wie die Hüllkörner zusammen liefern. Und dieses birgt nur das eine schwarze Samenkorn.
Stellt sich die Frage, warum diese Fleischmaisvarietät nicht häufiger verwendet wird, sondern vielmehr total in Vergessenheit geraten zu sein scheint.
2.12.11 19:55 digital Das Problem liegt in der Beschaffenheit des Marktes. Obwohl viele Züchter, Bauern, Händler und auch die Nahrungsmittel verarbeitende Inustrie im Prinzip von dieser Varietät wissen, passt sie nicht in das Standardisierungskonzept bezüglich Verwertung, Vermarktung und Logistik.
Mais hat eben Mais zu sein und wird zum größten Anteil als getrocknetes Korn verkauft und verarbeitet, im Energiesektor dienen komplette Pflanzen als Biomasselieferant. Und nur zum geringsten Anteil gelangen die Kolben in den Verkauf und werden dann meist von Steakhausgästen oder Sommergrillern abgeknabbert.
Hierfür gibt es Strukturen, Maschinen, Abläufe. Nicht aber für den Fleischmais, der sich ob seines hohen Zuckergehalts eher Obstmais nennen sollte. Die markthemmenden Probleme beginnen schon bei der landwirtschaftlichen Produktion:
Noch gibt es keine Maschinen, die die Arbeit übernehmen, das schwarze Korn aus dem Strunk zu gewinnen, was einsehbarerweise aufwendiger ist, als das Abstreifen der Hüllkörner. Noch dazu ist die Ausbeite extrem gering, da ja nur ein Korn pro Maiskolben herausspringt.
Die kleinen Körnchen mit ihrem winzigen Mehlkörper und damit vergleichsweise kleinen Energiereservoir sind in ihrem Keimungsverhalten weniger robust, wodurch der Keimlingsertrag pro Aussaatmenge geringer ist als bei der herkömmlichen Sorte.
Und schließlich widersetzt sich der Mais auch noch dem Verteilungskonzept, da er durch seinen hohen Zuckergehalt gleichzeitig auch eine mit Obst vergleichbare Verderblichkeitsgeschwindigkeit hat, wodurch auch anschließend an die erschwerte Saatgutgewinnung und Aufzucht eine zeitnahe Vermarktung notwendig wäre.
Diesen Kampf gegen die Marktbedingungen haben in der Vergangenheit schon diverse traditionelle Lebensmittel verloren und so scheuen natürlich alle Beteiligten das Risiko, in dieses Randprodukt bzw. Strukturen für dessen Vermarktung zu investieren, zumal unbekanntes sowieso gerade im Ernährungssektor nicht leicht zu lancieren ist.
So wird der Fruchtfleischmais aus dem schwarzen Mittelkorn, der den Ureinwohnern Mittel- und Südamerikas willkommene Abwechslung und gleichzeitig zuverlässiger Nahrungsspender war, wohl weiterhin nur in Randnotizen von Fachzeitschriften Verbreitung finden, bis er vielleicht eines Tages den Sprung über ein kurzlebiges Modelebensmittel zurück zu den natürlichen Ernährern ganzer Generationen schafft.

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